Kleiner Streifzug durch die Welt der
Hormone
Birgitta Meister
Damit der Körper richtig funktioniert,
d.h. damit lebenswichtige Funktionen ausgeführt bzw. aufrecht
erhalten werden, müssen die verschiedenen Organe harmonisch
zusammenarbeiten und sinnvoll auf äußere Einflüsse reagieren.
Unter bestimmten Umständen müssen bestimmte Organe zu
vermehrter Tätigkeit angeregt werden und andere müssen gebremst
werden, unter anderen Umständen ist es vielleicht umgekehrt. Ein
gutes Beispiel hierfür ist die Reaktion "kämpfe oder
flieh!": Unter dem Einfluß "Gefahr" schlägt das
Herz schneller, der Blutdruck steigt, die Atemwege weiten sich.
Gleichzeitig stellen die Verdauungsorgane ihre Tätigkeit ein, um
weniger Energie zu verbrauchen, die jetzt ganz der Muskulatur zur
Verfügung steht.
Damit diese Vorgänge ausgelöst werden
verfügt der Körper über zwei Steuerungssysteme, die stark
voneinander abhängig sind: Das eine ist das Nervensystem, das
für die blitzschnelle Reiz- und Informationsübertragung
zuständig ist. Das andere ist das endokrine System, das hier
erklärt werden soll.
Endokrin bedeutet innersekretorisch. Die
Endokrinologie ist die Lehre von der Funktion und Regulation der
innersekretorischen Drüsen.
Drüsen sind Organe, die bestimmte
Wirkstoffe (Sekrete) bilden. Exokrine Drüsen (Drüsen mit
äußerer Sekretion) sondern diese nach außen (Haut,
Schleimhaut) ab. Endokrine Drüsen (Drüsen mit innerer
Sekretion) geben sie als Inkrete oder Hormone direkt in
das Blut ab.
Hormone spielen im Körper eine wichtige
Rolle als Botenstoffe. Sie können nur auf Zellen bestimmter
Organe, der sog. Erfolgsorgane, wirken oder auf alle Zellen. Sie
werden über das Blut im ganzen Körper verteilt. Ein bestimmtes
Hormon wirkt aber nur auf die Zellen, die
"Anlegestellen", sog. Hormonrezeptoren für dieses
Hormon besitzen.
Hormone beeinflussen bereits in sehr
geringer Konzentration den Stoffwechsel und die Funktion des
Körpers in charakteristischer Weise, z.B. regeln sie Vorgänge
wie Wachstum, Geschlechtsverhalten, den Stoffwechsel von
Nahrungsmitteln oder die oben als Beispiel angeführte
Kampf/Fluchtreaktion. Das Hormon, das an dieser Reaktion
maßgeblich beteiligt ist, heißt Adrenalin.
Das endokrine System verfügt über einen
automatischen Regulationsmechanismus, der im oben aufgeführten
Beispiel dafür sorgt, daß die Organe ihre normale Funktion
wieder aufnehmen, sobald die Gefahr vorüber ist.
Am endokrinen System sind verschiedene
hormonbildende Drüsen beteiligt, die sich gegenseitig
beeinflussen. Sie bilden einen Regelkreis, der im Abschnitt
"Wie sind die Spielregeln?" näher erklärt wird. Die
Steuerzentrale liegt im Gehirn.
- Der Hypothalamus ist ein Teil
des Zwischenhirns, das zwischen den beiden
Großhirnhälften im Innern des Gehirns liegt. Hier
liegen die obersten Befehlsstellen für wichtige
Körperfunktionen wie z.B. Wasserhaushalt,
Körpertemperatur, Blutdruck, Schlaf-Wach-Rhythmus,
Nahrungsaufnahme (Appetit) und Stoffwechsel.
Die beiden Hormone Oxytocin und Vasopressin (ADH), die
von Nervenzellen des Hypothalamus gebildet werden, sind
direkt im Körper wirksam. Oxytocin spielt eine wichtige
Rolle bei der Geburt, es regt das Zusammenziehen der
Gebärmutter und das Einschießen der Milch an. Das
Antidiuretische Hormon ADH ist an der Regulation des
Wasserhaushaltes beteiligt und führt zum Zurückhalten
von Flüssigkeit. Es wird durch Alkohol gehemmt, deshalb
wird nach Alkoholgenuß zuviel Flüssigkeit
ausgeschieden. Wenn der Alkohol abgebaut ist, bemerkt der
Organismus den Wassermangel und reagiert mit
"Nachdurst".
Die sogenannten "releasing hormone" spielen
eine Schlüsselrolle im endokrinen Regelkreis. Sie werden
an die Hirnanhangdrüse abgegeben, wo sie die Freisetzung
weiterer Hormone bewirken (engl. release - freisetzen).
Die wichtigsten heißen:
- SRH - Somatotropin
releasing hormone
- TRH - Thyreotropin
releasing hormone
- CRH - Corticotropin
releasing hormone
- LH-RH
Luteinisierungshormon - releasing hormone
identisch mit
- GnRH Gonadotropin
releasing hormone
- Die Hirnanhangdrüse (Hypophyse)
ist etwa kirschgroß und liegt in einer Ausbuchtung der
Schädelbasis. Wie der Name schon sagt, ist sie direkt
mit dem Gehirn verbunden, und zwar mit dem Hypothalamus.
Sie ist die Schaltzentrale der hormonalen Regelung und
allen anderen hormonbildenden Organen übergeordnet. D.h.
die anderen endokrinen Drüsen werden von ihr gesteuert.
Die Hypophyse selbst wird direkt vom Gehirn beeinflußt.
Sie besteht aus dem Vorderlappen, dem (rudimentären)
Zwischenlappen und dem Hinterlappen, die sich in Funktion
und Aufbau unterscheiden.
Im Hypophysenhinterlappen (HHL) werden die beiden im
Hypothalamus gebildeten Hormone Oxytocin und Vasopressin
(ADH) gespeichert und bei Bedarf freigesetzt.
Im Hypophysenzwischenlappen (HZL), der beim Menschen nur
rudimentär angelegt ist , wird das
Melanozyten-stimulierende Hormon MSH gebildet. Es steuert
die Pigmentbildung in den Pigmentzellen (Melanozyten) der
Haut.
Die meisten und wichtigsten Hormone werden im
Hypophysenvorderlappen (HVL) gebildet:
- Prolaktin stimuliert das
Wachstum der Brustdrüsen und setzt unter
Einwirkung weiterer Hormone die
Milchproduktion in Gang.
- STH - somatotropes Hormon,
Somatotropin ist das Wachstumshormon, dessen
Bildung und Freisetzung durch die Hormone SRH
und Somatostatin kontrolliert werden. Es
erzeugt einen Wachstumsimpuls durch
Steigerung der DNS-Synthese.
- TSH -
thyreoideastimulierendes Hormon,
Thyreotropin. Es stimuliert die Schilddrüse,
seine Ausschüttung wird über das
Schildrüsenhormon T3 gehemmt und durch TRH
gefördert..
- ACTH - adrenocorticotropes
Hormon, Kortikotropin. Es fördert vor allem
die Bildung der Glukokortikoide in der
Nebennierenrinde. Seine Ausschüttung wird
durch CRH gesteuert wird und unterliegt einem
tageszeitabhängigen Rhythmus (höchste Werte
am Morgen).
- FSH -
follikelstimulierendes Hormon, Follitropin.
Seine Freisetzung wird durch das Hormon GnRH
(LH-RH) gesteuert. Es fördert bei der Frau
die Follikelreifung und spielt eine zentrale
Rolle in der Regulation des
Menstruationszyklus. Beim Mann wird die
Bildung der Samenzellen angeregt.
- LH - luteinisierendes
Hormon, die Ausschüttung wird durch LH-RH
(GnRH) kontrolliert. Bei der Frau löst es
den Eisprung aus und bewirkt die Entwicklung
des Gelbkörpers mit der Bildung von
Östrogenen und Progesteron. Beim Mann heißt
das Hormon ICSH (Abk. f. engl. interstitial
cell stimulating hormone) und regt die
Bildung von Androgenen an.
- Die Schilddrüse liegt an der
Vorderseite des Halses unterhalb des Kehlkopfes. Sie
besteht aus dem rechten und linken Lappen, die durch
einen schmalen Mittelteil miteinander verbunden sind. Ist
die Schilddrüse in ihrer Funktion gestört, neigt sie
zur Vergrößerung. Dies nennt man Kropf oder Struma.
Angeregt durch das thyreoideastimulierende Hormon TSH,
produziert die Schilddrüse die jodhaltigen Hormone
Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4). Das
Tetrajodthyronin wird auch Thyroxin genannt.
Die Schilddrüsenhormone beeinflussen den Stoffwechsel,
indem sie die Aufnahme von Sauerstoff im Gewebe steigern.
Dadurch werden sämtliche Verbrennungsvorgänge in den
Zellen beschleunigt, der Grundumsatz steigt. Wachstum und
Skelettreife werden gefördert.
Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse ist der
Grundumsatz herabgesetzt. Typisch sind körperliche und
geistige Trägheit, die Haut ist trocken und teigig
verdickt. Eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion
führt zu Wachstums- und Intelligenzstörungen und wird
als Kretinismus bezeichnet.
Bei einer Überfunktion der Schilddrüse ist der
Grundumsatz erhöht, die Menschen sind mager und nervös,
oft treten die Augäpfel stärker hervor.
Ein weiteres Hormon, das in der Schilddrüse gebildet
wird, ist das Kalzitonin. Es steuert den
Kalziumstoffwechsel, indem es die Einlagerung von Kalzium
in die Knochen anregt; dadurch sinkt der Kalziumgehalt
des Blutes.
- Die Epithelkörperchen
(Nebenschilddrüsen) sind 4 kleine, linsenförmige
Körperchen, die der Schilddrüse angelagert sind. Sie
bilden das sog. Parathormon. Dies regelt den
Kalziumstoffwechsel, indem es Kalzium aus den Knochen
herauslöst, wodurch der Kalziumgehalt des Blutes steigt.
Damit ist es der Gegenspieler des Kalzitonins.
- Die Nebennieren sitzen oben auf
den beiden Nieren. Sie bestehen aus zwei Arten von
hormonbildendem Gewebe:
- Das Nebennierenmark
bildet Adrenalin und Noradrenalin, wichtige
Botenstoffe des Nervensystems, die u.a. bei der
schon erwähnten Kampf/Fluchtreaktion von
Bedeutung sind.
- Die Nebennierenrinde
bildet über 40 verschiedene Hormone, die als Corticoide
bezeichnet werden. Sie werden nach ihrer Wirkung
in 3 Gruppen unterteilt:
- Mineralcorticoide
wirken auf den Mineralstoffwechsel:
Zurückhalten von Natrium und damit von
Wasser, Ausscheidung von Kalium.
Wirksamstes Hormon ist das Aldosteron.
- Glucocorticoide wirken
auf den Kohlehydrat (Zucker) -
Stoffwechsel. Zuckerneubildung aus
Eiweiß. Physiologisches Hormon ist das
Cortisol. Es erfüllt im Organismus 2
wichtige Aufgaben:
- Es ist
dauernd erforderlich für
eine normale Funktion aller
Zellen. Ein Mangel an
Cortisol ist mit dem Leben
nicht vereinbar.
- Es ist das
typische Hormon für die
Bewältigung von Streß.
Dabei wird Streß vom Körper
allerdings etwas anders
interpretiert, als wir es im
täglichen Leben tun. Zum
körperlichen Streß gehört
alles, was die körperliche
Unversehrtheit
beeinträchtigt, z.B.
Verletzungen, Operationen,
Geburten, Infektionen,
Verbrennungen, schwere
Erkrankungen. Ohne Cortisol
ist der Körper diesem Streß
schutzlos ausgeliefert.
- Androcorticoide
beeinflussen das Wachstum und die
sexuelle Reifung.
Bei einer Unterfunktion der
Nebennierenrinde (Morbus Addison) wird der
Mineralstoffwechsel und damit auch der
Wasserhaushalt empfindlich gestört. Natrium wird
im Überschuß ausgeschieden und Kalium
zurückgehalten. Die Körpertemperatur sinkt. Es
kommt zu Muskelschwäche, Abmagerung,
Appetitverlust, Erbrechen, Durchfall. Durch die
Störung des Zuckerhaushaltes sinkt der
Blutzucker.
Bei einer
Nebennierenrindenüberfunktion (Morbus Cushing)
kommt es zu Fettsucht, erhöhtem Blutdruck,
Müdigkeit, Impotenz. Bei Kindern wird zudem das
Wachstum gehemmt.
- Die Langerhansschen Inseln
sind "Zellhaufen" innerhalb der
Bauchspeicheldrüse. Sie bilden die Hormone Glukagon und
Insulin, die den Zuckergehalt des Blutes regulieren:
Glukagon führt zu einem Anstieg der Zuckerkonzentration.
Insulin senkt den Blutzuckergehalt, indem es die
Speicherung von Kohlehydraten in der Leber fördert und
die Verwertung des Zuckers im Gewebe verbessert. Die
bedeutendste Störung, die hier auftreten kann, ist ein
Mangel an Insulin, der zur sog. Zuckerkrankheit (Diabetes
mellitus) führt.
- Die Keimdrüsen (Eierstöcke
und Hoden) produzieren die Ei- und Samenzellen. Die
gesamte Fortpflanzung und Reifung des Menschen wird von
Hormonen gesteuert, die ebenfalls in den Keimdrüsen
gebildet werden. Während der Pubertät bewirken die
Geschlechtshormone die Ausbildung der sekundären
Geschlechtsmerkmale.
In den Eierstöcken werden zwei Hormone gebildet, die
sich in ihrer Wirkung ergänzen:
Das Östrogen wird von der heranreifenden Eizelle
gebildet und ist in der ersten Hälfte des
Menstruationszyklus wirksam. Die Gebärmutterschleimhaut
wächst zu einer dicken Schicht heran, um die Einnistung
eines befruchteten Eies zu ermöglichen.
Das Progesteron wird nach dem Eisprung im Gelbkörper
gebildet. Es sorgt für den drüsigen Umbau der
Gebärmutterschleimhaut, der Voraussetzung für den
Erhalt einer evtl. entstandenen Schwangerschaft ist. Wenn
es nicht zu einer Schwangerschaft gekommen ist, stellt
der Gelbkörper nach 14 Tagen seine Funktion ein und die
Schleimhaut wird bei der Regelblutung abgestoßen. Ist
jedoch eine Befruchtung zustande gekommen, so
vergrößert sich der Gelbkörper zum
Schwangerschaftsgelbkörper und bildet weiter
Progesteron, das für den Erhalt der Schwangerschaft
unerläßlich ist. Mit dem Fortschreiten der
Schwangerschaft wird Progesteron auch von der Plazenta
(Mutterkuchen) gebildet.
In den Hoden werden die Androgene gebildet, das sind die
männliche Geschlechtshormone. Sie fördern die Bildung
der Samenzellen und Ausbildung der sekundären
Geschlechtsmerkmale des Mannes und sind damit für seine
Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Wichtigster
Vertreter ist das Testosteron.
Die Regulation der Hormonausschüttung wird
durch einen Regelkreis gesteuert, der für fast alle endokrinen
Drüsen gleich funktioniert. Er soll am Beispiel der Keimdrüsen
erklärt werden.
Sowohl bei
Männern wie bei Frauen wird im Hypothalamus LH-RH gebildet, das
bedeutet LuteinisierungsHormon - Releasing Hormon (engl. release
- freisetzen). Es ist identisch mit dem GnRH Gonadotropin
Releasing Hormon.
Dieses bewirkt, daß in der
Hirnanhangdrüse (Hypophyse) weitere Hormone, das luteinisierende
Hormon (LH) und das follikelstimulierende Hormon (FSH)
ausgeschüttet werden.
Das FSH fördert bei der Frau die
Follikelreifung und spielt eine zentrale Rolle in der Regulation
des Menstruationszyklus. Beim Mann wird die Bildung der
Samenzellen angeregt.
Das LH löst bei der Frau den Eisprung aus
und bewirkt die Entwicklung des Gelbkörpers mit der Bildung von
Östrogenen und Progesteron. Beim Mann heißt das Hormon ICSH
(Abk. f. engl. interstitial cell stimulating hormone) und regt
die Bildung von Testosteron an.
Sowohl Östrogen wie Testosteron hemmen die
Freisetzung von LH-RH. Das ganze System bildet also einen sich
selbst steuernden Regelkreis, vergleichbar mit einem
Thermostaten.