Panne bei der Infusion - Paravasate

Birgitta Meister

Was ist denn ein Paravasat ???

Wenn Medikamente intravenös gegeben werden, also über eine Infusion, ist es wichtig, daß die Kanüle oder der Venenkatheter sicher in der Vene im fließenden Blut liegt. Durch ungünstige Umstände, z.B. unsachgemäßes Legen des Venenkatheters oder Herausrutschen, auch durch ungeschicktes oder unwillkürliches Bewegen des Arms, kann es passieren, daß die Infusionslösung in das umliegende Gewebe gelangt. Dies nennt der Arzt Paravasat.

Dabei kann es je nach Menge und Art des Medikamentes zu ernsthaften Schäden an Haut und Gewebe kommen. Folgende Beschwerden können Hinweis auf ein Paravasat sein:

Wenn solche Symptome auftreten, stoppen Sie sofort die Infusion (zur Not knicken Sie den Schlauch ab) und sagen dem Arzt oder Schwester Bescheid. Sollte es wirklich zu einem Paravasat gekommen sein, ist der venöse Zugang auf jeden Fall nicht mehr weiter verwendbar. Je nachdem, um welches Medikament es sich handelt, sind evtl. weitere Maßnahmen erforderlich.

Sollte es durch Verschulden des Arztes oder der Schwester zu dem Paravasat gekommen sein und Sie tragen bleibende Schäden davon, können Sie als Patient rechtliche Schritte einleiten.

Welche Medikamente sind gefährlich und welche nicht ?

Manche Medikamente können eine ausgedehnte Zerstörung des Gewebes (Nekrose) hervorrufen, die, je nach Lokalisation, Muskeln, Sehnen, Nerven, Gelenke und sogar die Knochen betreffen kann. Im Extremfall ist eine chirurgische Versorgung erforderlich, d.h., das zerfallene Gewebe muß weggeschnitten werden. Die in dieser Beziehung gefährlichsten Substanzen sind die Anthrazykline, allen voran das Doxorubicin (=Adriamycin) (Adriblastin®, DOXO-cell®). Aber auch andere Medikamente können das Gewebe sehr stark schädigen:

Ein Paravasat mit einem dieser Medikamente muß sofort ärztlich versorgt werden !!!

Zu den "ungefährlichen" Medikamenten, die keine zusätzlichen Maßnahmen erfordern, gehören:

Wie kann ein Paravasat verhindert werden ?

Eigentlich sollten Medikamente, die das Gewebe sehr stark schädigen können, immer über einen zentralen Venenzugang (ZVK) gegeben werden. Dies ist in der Praxis natürlich völlig illusorisch, zudem auch das Legen eines ZVK mit gewissen Risiken behaftet ist. Man wird also einen peripheren Zugang verwenden. Optimal hierfür ist eine kräftige, oberflächliche, gerade verlaufende Vene fern von Sehnen, Nerven und Gelenken, wie man sie am Unterarm findet. Wenn die Venen hier schlecht sind, muß der Arzt eine Vene in der Ellenbogenbeuge oder auf dem Handrücken punktieren. Die Venen am Ellbogen sind größer im Volumen, so daß die Nadel sicherer liegt und das Zytostatikum durch den Blutstrom mehr verdünnt wird, so daß es die Venenwand weniger reizen kann. Am meisten gefährdet ist der Handrücken und das Handgelenk. Hier verlaufen zahlreiche Sehnen und Nerven.

Ganz gefährlich ist auch eine mehrfache Punktion derselben Vene unterhalb der vorherigen Punktionstelle, es kann dann dort zu einem Paravasat kommen.

Günstig ist es, wenn Zytostatika nicht direkt, sondern in den Schlauch einer gut laufenden Infusion gespritzt werden, sofern dies bei dem jeweiligen Medikament möglich ist (Anthrazykline, Vinca-Alkaloide). Der Arzt hat eine gute Kontrolle über Injektionsgeschwindigkeit und -widerstand, er kann sofort auf Beschwerden des Patienten reagieren.

Als Patient sollte man den Arm ruhig halten und evtl. um eine Armstütze bitten. Bei Auffäligkeiten wie den oben aufgeführten Symptomen sofort die Infusion stoppen und dem Arzt oder der Schwester Bescheid sagen.

Wie wird ein Paravasat behandelt ?

Für die Therapie von Paravasaten gibt es noch keine festen Standards. Die Universitäts-Apotheke Tübingen und andere Institutionen geben folgende Empfehlung für allgemeine Gegenmaßnahmen:

  1. Injektion/Infusion sofort beenden, i.v. - Zugang belassen.

  2. Sterile Handschuhe anziehen

  3. Infusionsleitung oder Spritze vom i.v. Zugang entfernen

  4. 5 ml - Einmalsprize auf den i.v. Zugang aufsetzen und möglichst viel vom Paravasat aspirieren (ansaugen). Spritze mit Inhalt entsorgen. i.v. - Zugang mit rotem Kombistopfen verschließen.

  5. Den Inhalt der eventuell im Paravasatbereich entstandenen Blasen mit Tuberkulinspritzen (1 ml - Spritzen) und Kanülen 26 G aspirieren.

  6. Der folgenden Tabelle entnehmen, ob ein spezifisches Antidot (Gegenmittel) für das Zytostatikum aufgelistet ist. Gegebenenfalls Applikation des Antidots in den noch liegenden i.v. - Zugang. Falls kein i.v. - Zugang mehr besteht und infiltriert werden muß, ist das Antidot intra- und subcutan sternförmig von peripher nach zentral im Paravasatbereich zu applizieren. Dabei 26 G - Kanülen benutzen und i.v. - Zugang entfernen.

  7. Wenn kein spezifisches Antidot in der Tabelle angegeben ist: 4-8 mg Dexamethason im Paravasatbereich infiltrieren.

  8. Hydrocortisonsalbe 1% zweimal täglich auftragen, bis das Erythem abgeklungen ist.

  9. Den Paravasatbereich mit sterilen Kompressen abdecken und mit Leukofix® fixieren.

  10. Die betroffene Extremität hochlagern, bis Schwellung zurückgeht

  11. 4 mal täglich für 15 min Eispackungen auflegen, 3 Tage lang, außer bei Paravasaten von Vinca-Alkaloiden, Etoposid und Teniposid.

  12. Bei Paravasation von Vincristin, Vinblastin, Vindesin einmalig 1-2 Std. lang trockene, milde Wärme anwenden.

  13. Den Paravasatbereich sorgfältig beobachten und - falls erforderlich - frühzeitig Chirurgen zur operativen Abtragung des Nekrosebereichs kontaktieren.

  14. Das Paravasat dokumentieren.

Einige Zytostatika erfordern eine spezielle Behandlung, für die es die unterschiedlichsten Empfehlungen gibt:

Amsacrin Dimethylsufoxid (DMSO) alle 3-4- Std. für wenigstens 3 Tage mit Watteträger im gesamten Paravasatgebiet auftragen und an der Luft trocknen lassen.
Carboplatin siehe Cisplatin
Carmustin Paravasatstelle mit 2-5 ml 8,4%-iger Natriumhydrogencarbonal-Lösung um- und unterspritzen.

Cave: Nekrotisierende Wirkung!

Danach dasselbe mit 4 mg Dexamethason

Chlormethin 4 ml einer Mischung aus 4 ml 10%iger Natriumthiosulfatlösung und 6 ml Aqua ad injectabilia im gesamten Paravasatgebiet infiltrieren, danach 6 - 12 Std. Eiskompressen auflegen.
Cisplatin viermal täglich Eisumschläge (15 min) und Hochlagerung der Paravasatstelle über 3 Tage

oder

Paravasatstelle mit 4 ml einer Mischung aus 4 ml 10%iger Natriumthiosulfatlösung und 6 ml Aqua ad injectabilia infiltrieren.

Dacarbazin Paravasat durch großflächiges Unterspritzen mit 0,9%iger NaCl-Lösung verdünnen, dabei betroffene Stelle hochlagern.
Dactinomycin 4 ml einer Mischung aus 4 ml 10%iger Natriumthiosulfatlösung und 6 ml Aqua ad injectabilia infiltrieren
Daunorubicin siehe Doxorubicin
Doxorubicin
  1. Natriumhydrogencarbonat 8,4% 2-5- ml nur zur unmittelbaren Sofortbehandlung geeignet. Cave: auch nekrotisierende Wirkung möglich, deshalb nur geringe Mengen applizieren.

    oder

  2. Dimethylsufoxid (DMSO) alle 3-4- Std. für wenigstens 3 Tage (bis zu 4 Tagen) mit Watteträger im gesamten Paravasatgebiet auftragen und an der Luft trocknen lassen.

    oder

  3. Dexamethason 4-8 mg im Paravasatgebiet sternförmig infiltrieren
Epirubicin siehe Doxorubicin
Etoposid
  1. 150 I.E. Hyaluronidase (Hylase®" "Dessau") mit 1 ml NaCl 0.9% lösen und in das Paravasatgebiet infiltrieren.

  2. Dimethylsufoxid (DMSO) alle 3-4- Std. für wenigstens 3 Tage (bis zu 4 Tagen) mit Watteträger im gesamten Paravasatgebiet auftragen und an der Luft trocknen lassen.
Idarubicin siehe Doxorubicin
Melphalan Paravasatstelle mit 4 ml einer Mischung aus 4 ml 10%iger Natriumthiosulfatlösung und 6 ml Aqua ad injectabilia infiltrieren.
Mithramycin Paravasatstelle mit 2-5 ml 8,4%-iger Natriumhydrogencarbonal-Lösung um- und unterspritzen; danach dasselbe mit 4 mg Dexamethason
Mitomycin Dimethylsufoxid (DMSO) alle 3-4- Std. für wenigstens 3 Tage mit Watteträger im gesamten Paravasatgebiet auftragen und an der Luft trocknen lassen.

oder

Paravasatstelle mit 4 ml einer Mischung aus 4 ml 10%iger Natriumthiosulfatlösung und 6 ml Aqua ad injectabilia infiltrieren.

Teniposid wie Etoposid

oder

Paravasat durch großflächiges Unterspritzen mit 0,9%iger NaCl-Lösung verdünnen, dabei betroffene Stelle hochlagern.

Vinblastin siehe Vincristin
Vincristin 150 I.E. Hyaluronidase (Hylase®" "Dessau") mit 1 ml NaCl 0.9% lösen, in das Paravasatgebiet infiltrieren und 4-8- mg Dexamethason im Paravasatgebiet sternförmig infiltrieren.

oder

Paravasatstelle mit 2-5 ml 8,4%-iger Natriumhydrogencarbonal-Lösung um- und unterspritzen; danach dasselbe mit 4 mg Dexamethason

Vindesin siehe Vincristin

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