Nebenwirkungen und wie man damit umgeht - Teil 1

Birgitta Meister

"Man muß davon kotzen und die Haare fallen einem aus." Das war alles, was ich zu Beginn meiner Erkrankung, Ende 1993, über Chemotherapie wußte.

Der erste Fall ist eingetreten, der zweite nicht. Bei meiner ersten Therapie mußte ich nicht weniger als 20 mal innerhalb von 12 Stunden erbrechen. Andererseits sind mir während der ganzen 4 Therapiezyklen nur etwa ein Drittel meiner Haare ausgefallen, man hat es kaum gesehen.

Heute weiß ich, daß das Erbrechen vermeidbar gewesen wäre, der Haarausfall nicht. Ärzte, die zulassen, daß ein Patient ohne Ende erbricht oder andere, stark belastende Nebenwirkungen erträgt, sind grausam oder dumm oder beides und in ihrer Position fehl am Platze.

Die Chemotherapie mit Zellgiften (Zytostatika) hat leider eine ganze Reihe von Nebenwirkungen, die größtenteils durch die Schädigung der gesunden Zellen bedingt sind.

Manche Medikamente können auch Schäden an inneren Organen verursachen, die z.T. von Dauer sein können. Besonders betroffen sind hier die Lunge, das Herz, die Leber und die Nieren, sowie das Nervengewebe. Es handelt sich hierbei um eine spezielle, giftige Wirkung (Toxizität) des jeweiligen Medikaments auf ein bestimmtes Organ.

Einige Nebenwirkungen werden allerdings nicht durch unmittelbare Schädigung bestimmter Zellen oder Organe verursacht, sondern kommen durch die Störung bestimmter Stoffwechselvorgänge zustande.

Einen Überblick, in welchem Maß verschiedene Zytostatika die wichtigsten Nebenwirkungen verursachen, soll die folgende Tabelle geben:

Für die Nebenwirkungen werden folgende Abkürzungen benutzt

KM = Knochenmarkschädigung
ÜE = Übelkeit und Erbrechen
MS = Mundschleimhautentzündung (Stomatitis)
DU = Durchfall (Diarrhoe)
HA = Haarausfall (Alopezie)
HV = Hautveränderungen
FI = Fieber
LE = Leberschädigung (Hepatotoxizität)
NI = Nierenschädigung (Nephrotoxizität)
BL = Blasenentzündung (Zystitis)
HZ = Herzmuskelschäden (Kardiotoxizität)
LU = Lungenfibrose
NV = Nervenschäden (Neurotoxizität)

Die Intensität der Nebenwirkungen wird angegeben mit:

+ selten, mild
++ häufig, ausgeprägt
+++ stark ausgeprägt

Sie kann in Abhängigkeit von der Dosis und der Art der Applikation variieren. Hinzu kommen natürlich individuelle Unterschiede von Patient zu Patient. Die Tabelle kann daher nur einen groben Überblick geben.

Substanz Handelsnamen (Auswahl)

KM

ÜE

MS

DU

HA

HV

FI

LE

NI

BL

HZ

LU

NV

Actinomycin D Lyovac-Cosmogen®

+++

+++

++

++

++

   

+

         
Asparaginase Asparaginase medac®, Erwinase®

(+)

+(+)

   

(+)

               
Bleomycin Bleomycinum Mack®

(+)

+

+

 

++

++

++

       

+

 
Busulfan Myleran®

++

+

                 

+

 
Carboplatin Carboplat®, Ribocarbo®

+++

+

   

+

               
Carmustin BCNU, Carmubris ®

+++

++

         

+

         
Cisplatin Platiblastin®, Platinex®

+

+++

           

++

       
Chlorambucil Leukeran®

++

           

+

         
Cyclophosphamid CYCLO-cell®, Cyclostin®, Endoxan®

++(+)

+(+)

   

+(+)

       

++

     
Cytarabin Alexan®, ARA-cell®, Udicil®

+++

++(+)

+

+

+

 

+

+

         
Dacarbazin DTIC®, Detimedac®

++

++

         

+

       

(+)

Daunorubicin Daunoblastin®

+++

++

++

 

+++

         

++

   
Doxorubicin Adriblastin®, DOXO-cell®

+++

++

++

 

+++

(+)

       

++

   
Etoposid VP-16, Vepesid®

+++

+(+)

+

 

++

               
5-Fluorouracil Efudix®, Fluoroblastin®, Ribofluor®

++(+)

++

++

++

+

+

           

(+)

Hydroyharnstoff Litalir®

++

+

+

 

+

               
Ifosfamid Holoxan®, IFO-cell®

++

++

   

+

               
Lomustin Cecenu®, Lomeblastin®

+++

+++

         

+

         
Melphalan Alkeran®

+++

+

                     
6-Mercaptopurin MERCAP®, Puri-Nethol®

++

           

+

(+)

       
Methotrexat Farmitrexat®, Lantarel®, METEX®, MTX Hexal®

++(+)

++

++

+++

 

+

 

++

(+)

   

+

(+)

Mitomycin C Mito-medac®, Mitomycin medac®  

+

+

 

+

   

+

         
Mitoxantron Novantron®

++

+

                     
Procarbazin Natulan®

++

++

     

+

 

(+)

       

+

Teniposid VM-26 Bristol®

+++

++

   

++

               
6-Thioguanin Thioguanin-Wellcome®

++

           

+

         
Vinblastin Velbe®

++(+)

+

   

+

 

+

+

       

++

Vincristin Cellcristin®, Oncovin®        

++

 

+

         

+++

Vindesin Eldisine®

++

(+)

   

+

               
Substanz Handelsnamen (Auswahl)

KM

ÜE

MS

DU

HA

HV

FI

LE

NI

BL

HZ

LU

NV

Die Nebenwirkungen der Chemotherapie sind zum ganz überwiegenden Teil

  • behandelbar und

  • vorübergehend
  • Man ist ihnen also nicht hilflos ausgeliefert. Bei den meisten Beschwerden kann man, neben der medizinischen Behandlung, selbst etwas zu ihrer Linderung tun. Auf beide Möglichkeiten soll in den folgenden Abschnitten eingegangen werden.

    Übelkeit und Erbrechen

    Übelkeit (Nausea) und Erbrechen (Emesis) sind die Nebenwirkungen, die am häufigsten mit der Chemotherapie in Verbindung gebracht werden und diese in der Vergangenheit diskreditiert haben. Inzwischen lassen sie sich durch moderne Medikamente (Antiemetika) fast vollständig unterdrücken.

    Unbehandelt beeinträchtigen sie das ohnehin schon reduzierte Allgemeinbefinden beträchtlich und führen nicht selten zu einer Ablehnung der Therapie. Dies mindert bei intensiven Behandlungsschemata, die auf Heilung ausgerichtet sind (kurativ), die Erfolgsaussichten erheblich oder macht sie ganz zunichte.

    Erst recht sollte es bei der lindernden (palliativen) Chemotherapie oberstes Gebot sein, belastende Nebenwirkungen zu vermeiden.

    Wenn man erst einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann es sogar schon vor Beginn der Therapie, beim Betreten des Krankenhauses bzw. der Praxis, beim Anblick der Infusionsflaschen oder bei bestimmten Gerüchen zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Man nennt dies antizipatorisches (vorwegnehmendes) Erbrechen. Dies illustriert deutlich den Einfluß der Psyche bei der Chemotherapie. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine erträgliche Chemotherapie. Als Patient muß ich mich darauf verlassen können, daß mein Arzt die Begleitmedikation so gestaltet, daß ich nicht erbrechen muß.

    Übelkeit und Erbrechen entstehen durch die Wirkung der Zytostatika auf das sog. Brechzentrum im Gehirn. Dabei spielen die körpereigenen Botenstoffe Serotonin und Dopamin eine wichtige Rolle. Sie werden durch die Zytostatika vermehrt freigesetzt und erzeugen im Gehirn den Brechreiz. Durch Blockierung der Rezeptoren für diese Stoffe läßt sich die Übelkeit wirksam bekämpfen.

    Nicht alle Medikamente verursachen Übelkeit in gleicher Weise!

    Nach dem zeitlichen Auftreten unterscheidet man

  • akutes Erbrechen: es tritt üblicherweise 2 bis 6 Stunden nach Gabe der Medikamente auf (bei Cyclophosphamid 6 bis 12 Stunden), erreicht sein Maximum nach 4 - 10 Stunden und hält in der Regel nicht länger als 24 Stunden an.

  • verzögertes Erbrechen: es tritt später als 24 Stunden nach Gabe der Zytostatika auf, das typische Beispiel ist Cisplatin mit bis zu 5 Tagen.
  • Auch die Intensität der Wirkung variiert. Man versucht, die Zytostatika nach ihrer emetischen Potenz, d.h. nach dem Ausmaß, in dem sie Übelkeit verursachen, einzuteilen:

    Was der Arzt tun kann

    Die Begleitbehandlung gegen Übelkeit und Erbrechen (antiemetische Therapie) muß sich also nach den verabreichten Medikamenten richten. Für den behandelnden Arzt gibt es hierfür klare Empfehlungen:

    1. Bereits beim ersten Therapiezyklus muß eine optimale antiemetische Therapie eingesetzt werden.

    2. Beginn der Therapie "erst beim ersten Brechreiz" oder Beginn mit unterdosierten oder zu schwachen Antiemetika ist falsch! Es besteht die große Gefahr, daß sich ein bedingter Reflex einschleift, der das erbrechen durch Assoziationen aller Art bahnt (antizipatorisches Erbrechen). Dies muß unbedingt vermeiden werden.

    3. Antizipatorisches Erbrechen ist schwer zu beeinflußen und bedarf einer antiemetischen Therapie und Sedierung/Anxiolyse (Beruhigung) beginnend 12 Stunden vor Therapie.

    4. Kein Patient darf heute "stundenlang" erbrechen. Diese Nebenwirkung der Chemotherapie braucht ein Patient nicht zu erdulden (er wird danach nicht mehr Ihr Patient bleiben!). Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Antiemetika sind mindestens 90% der Patienten befriedigend zu behandeln!

    Zur antiemetischen Behandlung stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:

    Die Serotonin-Antagonisten unterbinden die Wirkung des Serotonins an den Rezeptoren im Gehirn. Sie sind auch bei Zytostatika mit hohem emetischen Potential sehr gut wirksam und z.Zt. die Antiemetika der ersten Wahl. Allerdings sind diese Präparate ziemlich teuer, so daß sie von manchen Ärzten noch mit Zurückhaltung eingesetzt werden.

    Substanzen: Ondansetron (Zofran ®)
      Tropisetron (Navoban ®)
      Granisetron (Kevatril ®)
      Metoclopramid in hoher Dosierung (5-10 mg/kg/Tag) (MCP, Paspertin®, Gastrosil ®)

    Dopamin - Antagonisten blockieren die Wirkung des Dopamin. Sie sind bei hochemetischer Therapie unzureichend, eignen sich aber gut zur Bekämpfung leichterer Übelkeit. Hierzu gehören auch das Haloperidol, das eher als Psychopharmakon bekannt ist.

    Substanzen: Metoclopramid in normaler Dosierung (1-2 mg/kg/Tag) (MCP, Paspertin®, Gastrosil ®)
      Alizaprid (Vergentan ®)
      Domperidon (Motilium ®)
      Haloperidol (Haldol ®)

    Die sog. Neuroleptika, Medikamente aus der Gruppe der Psychopharmaka wirken ebenfalls als Dopamin - Antagonisten, allerdings mit den der entsprechenden Begleitwirkungen auf die Psyche, wie z.B. Veränderung der Stimmungslage, Beruhigung, Euphorisierung u.ä. Sie werden gerne zur gewollten Ruhigstellung eingesetzt.

    Substanzen: Triflupromazin (Psyquil ®)
      Levomepromazin (Neurocil ®)
      Promethazin (Atosil ®)

    Die Benzodiazepine, ebenfalls Psychopharmaka, haben keine eigene antiemetische Wirkung, unterstützen aber die antiemetische Therapie durch Angstabbau und Beruhigung. Sie haben dort ihre Berechtigung, wo sich antizipatorisches Erbrechen entwickelt hat.

    Substanzen: Lorazepam (Tavor ®)
      Diazepam (Valium ®)

    Ein sehr wichtiges Medikament in der antiemetischen Therapie ist noch das Dexamethason, ein hochwirksames Kortison. Es wird allein oder ergänzend dort eingesetzt, wo die Wirkung der Serotonin-Antagonisten nicht ausreicht. Vor allem bei verzögertem Erbrechen nach Cisplatin zeigt es oft eine bessere Wirkung.

    Substanzen: Dexamethason (Fortecortin ®)

    Entsprechend der emetischen Potenz der Chemotherapie, gibt es mehrere Stufen für die antiemetische Behandlung. Es sollte mit einer angemessenen Stufe begonnen werden und bei mangelnder Wirksamkeit sofort auf die nächste Stufe übergegangen werden. Die angegebenen Medikamente und Dosen sind nur Richtlinien. Die jeweils notwendige Kombination und Dosierung wird vom Arzt individuell festgelegt.

    1. Stufe: Basisantiemetikum

    bei leicht emetogener Chemotherapie:

    Metoclopramid 10-50 mg alle 4 bis 8 Stunden oder

    Alizaprid 50-100 mg alle 4-8 Stunden oder

    Domperidon 10-20 mg alle 8 Stunden

    Beginn: 30 Minuten vor der Chemotherapie

    bei mäßig emetogener Chemotherapie:

    Ondansetron 8 mg oder Tropisetron 5 mg oder Granisetron 3 mg.

    Beginn: 20 - 30 Minuten vor der Chemotherapie

    2. Stufe: Basisantiemetikum + Dexamethason

    bei stark emetogener Chemotherapie:

    Ondansetron 8 mg oder Tropisetron 5 mg oder Granisetron 3 mg (evtl. alle 12 Stunden) plus

    Dexamethason 8-20 mg einmalig oder 4-8 mg alle 8 Stunden.

    Beginn: 20 - 30 Minuten vor der Chemotherapie

    3. Stufe: Basisantiemetikum + Dexamethason + Neuroleptikum

    zusätzlich zu den Medikamenten der 2. Stufe:

    Haloperidol 5 mg i.v.

    bei gewünschter Sedierung:

    Levomepromazin 25 mg als Kurzinfusion

    4. Stufe: Basisantiemetikum + Dexamethason + Neuroleptikum + Benzodiazepin

    zusätzlich zu den Medikamenten der 3. Stufe:

    Diazepam 10 mg als Kurzinfusion oder

    Lorazepam 2 mg als Kurzinfusion

    Was Sie selbst tun können

    Hier einige Tips, von denen Sie sich die heraussuchen können, die Ihnen zusagen

    Vor der Behandlung:

    Nach der Behandlung:

    Wann Sie den Arzt informieren sollten

    Appetitlosigkeit

    Auch ohne Übelkeit oder Erbrechen kann es passieren, daß man während einer Chemotherapie einfach keinen Appetit, keine Lust zu essen, hat. Wenn dieser Zustand länger anhält, kann es zu Gewichtsverlust und Schwäche kommen.

    Was der Arzt tun kann

    Bei schwerer und lang andauernder Appetitlosigkeit kann etwas Kortison Abhilfe schaffen, sofern es mit der Chemotherapie vereinbar ist.

    Was Sie selbst tun können

    Hier einige Tips, von denen Sie sich die heraussuchen können, die Ihnen zusagen

    Appetitsteigerung

    Wenn die Chemotherapie Kortison enthält, kann es zu einer deutlichen Steigerung des Appetits mit erheblicher Gewichtszunahme kommen. Man wird regelrecht freßsüchtig. Oft ist damit auch eine vermehrte Einlagerung von Flüssigkeit im Gewebe verbunden. Dies stellt für viele Patienten, besonders für Frauen, ein kosmetisches Problem dar.

    Wenn man durch die Krankheit keinen Appetit hatte und schon an Gewicht verloren hat, wird man diesen Effekt dankbar annehmen und sich freuen, daß man wieder normal essen kann und zunimmt.

    War aber vorher das Gewicht in Ordnung, möchte man vielleicht ein wenig gegensteuern.

    Was Sie selbst tun können

    Hier einige Tips, von denen Sie sich die heraussuchen können, die Ihnen zusagen

    Störungen der Blutbildung

    Eine der typischen Nebenwirkungen ist die - in der Regel vorübergehende - Schädigung des Knochenmarks. Sie ist verbunden mit einer Verminderung der weißen und roten Blutzellen sowie der Blutplättchen. Deshalb sind während einer Chemotherapie häufige Kontrollen des Blutbildes erforderlich.

    Normalwerte im Blutbild:

    Am empfindlichsten sind hier die Leukozyten. Sie haben mit etwa 1-4 Tagen, je nach "Beanspruchung", die kürzeste Lebensdauer der Blutzellen und sinken bereits bei Chemotherapien geringerer Intensität rasch ab. Auch die Thrombozyten sind mit einer Lebensdauer von 1-2 Tagen empfindlich, sinken jedoch oft nicht so stark ab wie die Leukozyten. Es gibt hier allerdings Abhängigkeiten von den verwendeten Medikamenten und individuelle Unterschiede. Mit 90-100 Tagen die längste Lebensdauer haben die Erythrozyten, so daß der Körper hier eine gewisse Reserve hat. Mit einem starken Abfall ist erst bei intensiveren Therapien zu rechnen.

    Nach einer Chemotherapie fällt die Zahl der Blutzellen zunächst ab, um sich dann wieder zu erholen. Der Zeitpunkt, zu dem die Blutzellen ihren niedrigsten Wert erreicht haben, wird vom Arzt Nadir genannt und ist für die meisten Therapiekombinationen einigermaßen genau vorherzusagen. Der Arzt wird den Patienten zum vermuteten Zeitpunkt zum Blutbild bestellen und man tut gut daran, diesen Termin auch pünktlich wahrzunehmen.

    In der folgenden Tabelle sind realistische Werte für einige Medikamente aufgeführt. Sie beziehen sich auf den Abfall der weißen Blutkörperchen (Leukopenie), da diese am empfindlichsten reagieren:

    Zytostatikum

    Schweregrad

    Nadir (Tage nach Therapiebeginn)

    Erholung (Tage nach Therapiebeginn)

    Anthrazykline

    +++

    10-14

    21-24

    Carmustin

    +++

    35-42

    35-85

    Cyclophosphamid

    +++

    10

    10-20

    Methotrexat

    +++

    7-14

    14-21

    Alkylantien

    ++

    10-21

    18-40

    Carboplatin

    +(+)

    19-21

    28

    Cisplatin

    +(+)

    6-26

    21-45

    Vinblastin

    +(+)

    5-10

    7-14

    Leukopenie/Infektionen

    Bei der Leukopenie sind die weißen Blutzellen (Leukozyten) in ihrer Zahl vermindert. Da sie für die Immunabwehr zuständig sind, besteht eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen. Achtsamkeit ist bei einer Leukozytenzahl zwischen 3000/µl und 1000/µl geboten. Der kritische Bereich liegt unter 1000/µl.

    Was der Arzt tun kann

    Wenn die Leukozyten sehr stark abfallen, also auf Werte unter 1000/µl oder sich nur langsam wieder erholen, kommt eine Behandlung mit sog. Wachstumsfaktoren in Betracht. Das sind körpereigene Substanzen, die gentechnisch hergestellt werden und das Knochenmark zur Bildung von weißen Blutkörperchen anregen.

    Das am häufigsten angewandte Medikament heißt G-CSF (Granulocyte-Colony Stimulation Factor = Granulozyten-Kolonie stimulierender Faktor), der Handelsname ist Neupogen®. Es wird unter die Haut gespritzt und führt in der Regel zu einem raschen Anstieg der weißen Blutkörperchen innerhalb weniger Tage.

    Wenn eine Infektion oder ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht, wird der Arzt Antibiotika verordnen.

    Naturheilkundlich orientierte Ärzte bieten, ergänzend zur Chemotherapie, oft eine Behandlung mit Mistelextrakt, Thymusextrakt und/oder Enzympräparaten an. Das Ziel ist eine Anregung des gesamten Immunsystems, Immunmodulation genannt, wodurch die Schäden am Knochenmark deutlich reduziert werden sollen. Auch Sonnenhutextrakt (Echinacea) gehört zu den Immunmodulatoren.

    Diese Behandlung soll vor der Chemotherapie beginnen und über ihr Ende hinaus weitergeführt werden, bis der gewünschte Erfolg erreicht ist. Ein bis zwei Tage vor und nach der Anwendung von Zytostatika sollte allerdings keine Immunmodulation erfolgen.

    Achtung: Es soll hier nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß Immunmodulation bei Erkrankungen des lymphatischen Systems und des Knochenmarks, also bei Morbus Hodgkin, Non-Hodgkin-Lymphomen und Leukämien sehr umstritten ist. Da diese Erkrankungen vom Immunsystem selbst ausgehen, besteht die Gefahr, daß die bösartigen Zellen durch die Immunmodulation zu verstärktem Wachstum angeregt werden.

    Weiterhin kommt eine ergänzende Behandlung mit Vitaminen und Spurenelementen in Betracht, vor allem mit den Radikalfängern Vitamin A, C und E sowie Selen. Auch die Vitamine der B-Gruppe B1,B2, B6 und B12 sowie Folsäure sind in einer unterstützenden Therapie hilfreich. Ferner Mineralstoffpräparate wie z.B. Basica®.

    Was Sie selbst tun können

    Während Ihre Leukozyten erniedrigt sind:

    Wenn Sie weniger als 1000 Leukozyten/µl haben:

    Wann Sie den Arzt informieren sollten

    Thrombopenie/Gerinnungsstörungen

    Thrombopenie ist die Bezeichnung für den Abfall der Blutplättchen (Thrombozyten). Da sie für die Blutgerinnung zuständig sind, besteht eine vermehrte Neigung zu Blutergüssen und Blutungen, auch in inneren Organen. Die kritische Grenze liegt bei 50.000/µl.

    Was der Arzt tun kann

    Wenn die Thrombozyten unter 20.000/µl abfallen, können sie mit Thrombozytenkonzentrat substituiert (ersetzt) werden. Dieses wird von geeigneten Spendern durch sog. Zellseparation gewonnen. Dabei werden die Blutplättchen aus dem Blut ausgewaschen, das restliche Blut erhält der Spender zurück. Dabei ist es nicht zu vermeiden, daß das Thrombozytenkonzentrat Immunzellen enthält. Deshalb sollte es vorher mit 15-25 Gy bestrahlt werden, um diese zu inaktivieren. Die Aktivität der Thrombozyten wird dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt.

    Was Sie selbst tun können

    Während Ihre Thrombozyten erniedrigt sind:

    Wann Sie den Arzt informieren sollten

    Anämie/Müdigkeit

    Als Anämie bezeichnet man ein Absinken der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin). Da diese den Sauerstoff aus der Lunge in den ganzen Körper transportieren, können Atemnot, Müdigkeit und Erschöpfung die Folge sein. Die Haut wird auffallend blaß.

    Was der Arzt tun kann

    Wenn das Hämoglobin unter 8 g/100 ml absinkt, besteht in der Regel Bedarf für eine Bluttransfusion. Diese wird normalerweise nicht mit Vollblut, sondern mit gewaschenen Erythrozyten, sog. Erythrozytenkonzentrat durchgeführt. Da es Immunzellen enthalten kann, sollte es vorher mit 15-25 Gy bestrahlt werden, um diese zu inaktivieren. Die Aktivität der roten Blutkörperchen wird dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt.

    Unterstützend können Vitaminpräparate und ein Eisenpräparat genommen werden. Bei der Einnahme von Eisen sollte allerdings regelmäßig durch eine Blutuntersuchung (Serumeisen) überprüft werden, ob es auch in die roten Blutkörperchen eingebaut wird oder im Körper gespeichert wird. Wenn der Körper zuviel Eisen speichert, muß die Einnahme des Eisenpräparates beendet werden.

    Was Sie selbst tun können

    Wann Sie den Arzt informieren sollten

    Fieber

    Die normale Körpertemperatur liegt bei 36,8 - 37°C. Abends ist sie in der Regel etwas höher als morgens.

    Mit den herkömmlichen Thermometern kann sie im Darm, im Mund oder unter der Achsel gemessen werden. Wir empfehlen die Messung im Mund. Dazu wird das Thermometer unter die Zunge geschoben. Diese Methode ist am einfachsten durchzuführen und liefert hinreichend genaue Ergebnisse, sofern man nicht unmittelbar vorher etwas Kaltes oder Heißes ißt oder trinkt. Sie ist nur dann nicht empfehlenswert, wenn durch die Chemotherapie die Mundschleimhaut wund ist; dann sollte man unter der Achsel messen. Die Ergebnisse sind allerdings nicht so genau. Die Messung im Darm ist zwar am genauesten, aber eigentlich etwas, was keiner will. Wenn die weißen Blutkörperchen oder die Blutplättchen verringert sind, ist die Temperaturmessung im Darm strengstens verboten, da die Schleimhaut verletzt werden kann, was zu üblen Infektionen führen kann. Das Nonplusultra sind natürlich die neuen Thermometer, mit denen die Temperatur im Ohr gemessen wird. Diese Methode ist auf jeden Fall vorzuziehen.

    Von Fieber spricht man, wenn die Körpertemperatur länger als einen Tag über 38°C ansteigt. Es ist ein natürlicher Abwehrmechanismus des Körpers und meistens ein Anzeichen dafür, daß der Körper gegen eine Infektion ankämpft. Andere Fieberursachen können Entzündungen, Tumorwachstum oder die Nebenwirkung von Medikamenten sein. Der Anstieg des Fiebers ist oft mit Frösteln oder Schüttelfrost verbunden; der Körper versucht, durch die Aktivität der Muskeln Wärme zu erzeugen.

    Fieber über 38°C, das länger als einen Tag andauert, bedarf auf jeden Fall der Abklärung durch den Arzt.

    Was der Arzt tun kann

    Der Arzt wird die Ursache des Fiebers klären und eine entsprechende Behandlung einleiten, z.B. wird er bei einer Infektion Antibiotika verordnen.

    Fieber, das als Nebenwirkung von Medikamenten, wie z.B. Bleomycin, auftritt, läßt sich meistens mit Kortison unterdrücken.

    Was Sie selbst tun können

    Wann Sie den Arzt informieren sollten

    Haarausfall

    Auf dem menschlichen Kopf wachsen rund 100.000 Haare. Sie wachsen ständig nach, alte fallen aus und werden durch neue ersetzt. Durch die Chemotherapie können die Haarwurzeln so geschädigt werden, daß die Haare innerhalb von kurzer Zeit teilweise oder vollständig ausfallen. Dies beschränkt sich eventuell nicht nur auf die Kopfhaare, sondern kann den ganzen Körper betreffen.

    Haarausfall ist kein medizinisches Problem, der Mensch kann gut ohne Haare leben.

    Der durch eine Chemotherapie verursachte Haarausfall bedeutet eine plötzliche, eingreifende Veränderung der äußeren Erscheinung. Die Glatze wird - vor allem von und bei Frauen - als "nicht normal", unästhetisch oder sogar häßlich empfunden.

    Es reicht nicht aus. daß ich lebensbedrohend erkrankt bin, ich sehe noch nicht einmal gut aus dabei. Das glatzköpfige Monster, das mich jeden Morgen aus dem Spiegel anschaut, erinnert mich erbarmungslos daran, daß ich Krebs habe. Ich bin ein Todeskandidat, denken die Leute, die mich so sehen. Man beginnt, mich zu schonen, Verantwortung von mir fernzuhalten, mich nicht mehr für voll zu nehmen. Nimmt man mich eigentlich noch als Menschen wahr?

    "Mami, warum hat die Frau keine Haare ???" fragt ein kleines Mädchen seine Mutter im Kiosk der Uniklinik, als ich mir gerade ein Eis hole. "Schschscht..." macht die Mutter und läuft knallrot an. Als ich das Mädchen ansprechen möchte, um die Sache zu erklären, zieht die Mutter sie schnell weg. Ich habe Krebs, das sieht doch jeder und daran kann man sterben und das ist in unserer Gesellschaft tabu, ganz besonders für kleine Mädchen. Man sollte es nicht glauben, aber es gibt immer noch Leute, die glauben, daß einem von Krebs die Haare ausfallen.

    Also setze ich nächstesmal, wenn ich zum Kiosk gehe, trotz hochsommerlicher Temperaturen meine Blondhaarperücke auf, sehe aus wie Marylin Monroe und alles ist bestens, hahaha.

    Selbst wenn man eine Perücke oder ein Toupet trägt, ist man, vor allem am Anfang, oft unsicher, ob die Leute es nicht doch merken. Schließlich ist da noch der morgendliche Blick in den Spiegel, der einen daran erinnert: "Ich habe Krebs..." Vielleicht sollte man dann in Gedanken hinzufügen: "... und kämpfe dagegen".

    Nicht alle Medikamente bzw. Medikamentenkombinationen verursachen in gleicher Weise Haarausfall. Selbst zwischen verschiedenen Personen, die gleich behandelt werden, kann es beträchtliche Unterschiede geben. Es gibt allerdings auch Medikamente, von denen bekannt ist, daß sie so gut wie immer Haarausfall verursachen, wie z.B. Etoposid.

    Wenn Sie Chemotherapie bekommen, fragen Sie Ihren Arzt, ob sie damit rechnen müssen, daß Ihnen die Haare ausfallen. Wenn ja, fragen Sie auch, wann der Haarausfall erfahrungsgemäß beginnt (meist nach 2 - 4 Wochen).

    Nach, manchmal auch schon während der Behandlung wachsen die Haare wieder nach. Dabei werden sich Farbe und Struktur möglicherweise verändern. Oft ist das neue Haar dunkler, kräftiger und lockiger; ein Effekt, der von den meisten Frauen begrüßt wird.

    Gegen den Haarausfall gibt es leider kein sicher wirkendes Mittel. Mittel wie Rhodanid oder die Kühlung mit einer Eishaube haben sich als unwirksam bzw. unzuverlässig erwiesen.

    Was Sie selbst tun können


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