Birgitta Meister
Während einer Chemotherapie können Probleme mit der Haut und den Nägeln auftreten. Die Haut kann sich röten, jucken, trocken werden, schuppen oder schälen. Es kann zu Ausschlag, Akne oder Verfärbungen kommen. Die Nägel können rissig oder brüchig werden, senkrechte oder waagerechte Streifen und Furchen bekommen und sich sogar - allerdings sehr selten - ablösen. Wunden heilen schlechter.
Nach Ende der Therapie bilden sich diese Erscheinungen in den allermeisten Fällen vollständig zurück. Verfärbungen der Haut können allerdings auch von Dauer sein.
Manche Zytostatika verursachen, wenn sie intravenös gegeben werden, eine Dunkelfärbung der Haut entlang der Vene. Diese bildet sich meistens innerhalb einiger Monate zurück.
Wenn während einer Zytostatika-Infusion Rötung, Brennen und/oder Schmerzen am venösen Zugang oder der Vene auftreten, kann das ein Hinweis darauf sein, daß das Medikament in das umliegende Gewebe gelangt ist. Dies nennt der Arzt Paravasat. Dabei kann es je nach Menge und Art des Medikamentes zu ernsthaften Schäden an Haut und Gewebe kommen. In diesem Fall stoppen Sie sofort die Infusion (zur Not knicken Sie den Schlauch ab) und sagen dem Arzt oder Schwester Bescheid.
Manche Verfärbungen der Haut haben aber auch andere Ursachen, die nichts mit der Haut selbst zu tun haben. So kann die Haut z.B. gelb bei Lebererkrankungen, blau bei Problemen mit der Atmung und blau gefleckt bei Blutveränderungen aussehen.
Auch allergische Reaktionen gegen Medikamente können zu Hautrötung und -ausschlag führen. Wenn solche Erscheinungen plötzlich nach einer Medikamentengabe auftreten, sollten Sie umgehend Ihren Arzt informieren.
Was der Arzt tun kann
Gegen Rötung, Ausschlag und Juckreiz kann der Arzt lindernde Salben, evtl. mit Kortisonzusatz, verordnen. Wenn dies nicht ausreicht, können auch Medikamente eingenommen werden.
Bei schlecht heilenden Wunden wird der Arzt die Behandlung mit entsprechenden Wundsalben, -pudern o.ä. anordnen.
Paravasate und allergische Reaktionen müssen immer ärztlich behandelt werden.
Was Sie selbst tun können
Bei trockener Haut:
Bei empfindlicher, geröteter Haut:
Bei Juckreiz:
Bei schlecht heilenden Wunden:
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Auch die Schleimhäute von Mund und Speiseröhre gehören zu den Geweben, die sich rasch erneuern und daher bei einer Chemotherapie empfindlich reagieren. Es kann zu einer Entzündung der Mundschleimhaut kommen, die vom Arzt Stomatitis genannt wird. Im Mund bilden sich entzündete Stellen, die wie kleine Schnittwunden oder Geschwüre aussehen. Sie sind häufig stark gerötet und haben helle Beläge bzw. weiße Flecken in der Mitte. Diese kleinen Geschwüre, die manchmal leicht bluten, treten oft 1-2 Wochen nach der Chemotherapie auf und brauchen oft 1-3 Wochen, bevor sie abheilen.
Wenn sich die Entzündung bis in die Speiseröhre ausbreitet, treten Brennen und Schmerzen beim Schlucken auf. Diese Schluckbeschwerden nennt der Arzt Dysphagie.
In aller Regel können die Schleimhautschäden im Mund und der Speiseröhre gut verhindert bzw. behandelt werden. Bei bestimmten Medikamenten und sehr intensiven Chemotherapien kann die Schädigung der Schleimhaut jedoch so weit gehen, daß nur noch flüssige Nahrung aufgenommen werden kann. In Extremfällen kann sogar künstliche Ernährung mit Infusionen erforderlich werden.
In sehr seltenen Fällen, meist bei sehr intensiven Therapien, kann sich die Entzündung der Schleimhäute über den gesamten Verdauungstrakt bis zum After erstrecken.
Die geschädigte Schleimhaut wird gerne von Bakterien und besonders gerne von Pilzen besiedelt. Dagegen wird der Arzt in der Regel Medikamente verordnen.
Was der Arzt tun kann
Wenn möglich, sollten Sie vor Beginn der Chemotherapie einen Zahnarzt aufsuchen, um eventuelle Entzündungsherde im Mund, vor allem am Zahnfleisch zu sanieren. Die Therapie kann zu einer erhöhten Anfälligkeit der Zähne für Karies führen, so daß auch Defekte an den Zähnen beseitigt werden sollten. Vor allem Zahnstein sollte vor Beginn der Behandlung entfernt werden, damit der Mund ohne Probleme saubergehalten werden kann. Auch bei losen Kronen oder wenn Sie eine Zahnprothese tragen, die schlecht sitzt, sollten Sie sich um Abhilfe bemühen.
Wenn eine Chemotherapie Schäden an der Schleimhaut verursacht, kann der Arzt verschiedene Medikamente verordnen, um die Schleimhaut zu schützen und Infektionen durch Bakterien oder Pilze zu verhindern.
Zur Pflege der Schleimhaut gibt es eine ganze Menge pflanzlicher Mittel zum Spülen, Gurgeln und Auftragen auf entzündete Stellen, z.B. Kamillosan®, Helago-oel®, Salviathymol®. Auch Bepanthen® Roche Lösung und Lutschtabletten sind gut zur Behandlung von Schleimhautentzündungen geeignet.
Wenn die Stellen sehr weh tun, gibt es auch Präparate, die die Schleimhaut etwas betäuben, z.B. Dynexan®.
Als antiseptische Mundspülung kommt Betaisodona® Mund-Antiseptikum oder Rivanol® in Frage. Gegen Pilze gibt es Suspensionen, die Nystatin (Moronal®) oder Amphothericin B (Ampho-Moronal®) enthalten. Ampho-Moronal® ist auch als Lutschtabletten erhältlich, sie sind allerdings nur geeignet, wenn die Schleimhaut noch nicht kaputt ist.
Zum Schutz von Speiseröhre und Magen sind Magnesium-/Aluminiumhydroxid - Suspensionen wie Maaloxan®, Ulcogant® o.ä gut geeignet, sie überziehen die Schleimhaut mit einer Art Schutzfilm. Wenn schmerzhafte Schluckbeschwerden bestehen, gibt es solche Mittel auch mit einer oberflächlich schmerzstillenden Komponente (Tepilta®).
Wenn die Aufnahme fester Nahrung nicht mehr möglich ist, kann der Arzt auch sog. "Astronautenkost" verordnen. Dies ist eine eiweißreiche Ergänzungsnahrung in flüssiger Form auf Milch- und/oder Soja-Basis. Diese Präparate gibt es von verschiedenen Firmen in diversen Geschmacksrichtungen. Sie schmecken etwa wie ein Milchshake und können gut gekühlt getrunken werden. Gängige Produkte sind Meritene® und Fresubin®.
Sollte es soweit kommen, daß auch keine flüssige Nahrung mehr geschluckt werden kann, bleibt noch die Möglichkeit der parenteralen Ernährung, also der künstlichen Ernährung mit Infusionen.
Was Sie selbst tun können
Um sich Ärger von vornherein zu ersparen:
Wenn leichte Beschwerden auftreten:
Bei schweren Schleimhautschäden:
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Von Durchfall (Diarrhoe) spricht man, wenn mehr als 3 mal am Tag wäßriger, dünner Stuhl auftritt. Die im Darm befindliche Flüssigkeit wird nicht oder nur teilweise vom Körper aufgenommen (resorbiert), sondern ausgeschieden. Bei der Chemotherapie liegt die Ursache hierfür meistens in einer Schädigung der Darmschleimhaut, so daß sie in Ihrer normalen Funktion gestört ist. Ein weiterer Grund kann eine gesteigerte Darmtätigkeit (Peristaltik) sein, die dafür sorgt, daß sich der Darm schneller entleert.
Bei einer Behandlung mit Antibiotika kann es passieren, daß die normale Besiedelung des Darms mit Bakterien zerstört wird. Auch dadurch kann es zu Durchfall kommen. Unter solchen Umständen können Pilze den Darm besiedeln, was die Sache noch schlimmer macht.
Anhaltender Durchfall (länger als 2 Tage) führt zu einem Verlust an Flüssigkeit und Mineralstoffen (Elektrolyten), besonders Kalium, und muß ärztlich behandelt werden.
Was der Arzt tun kann
Bei anhaltendem, starken Durchfall aufgrund einer Chemotherapie kann der Arzt Medikamente verordnen, die die Darmtätigkeit hemmen, z.B. Imodium® oder, bei sehr starkem Durchfall, ein opiathaltiges Mittel wie Reasec®. Der Darm arbeitet langsamer, es steht mehr Zeit für die Flüssigkeitsresorption zur Verfügung und der Stuhl wird wieder fest(er).
Bei antibiotikabedingtem Durchfall sollen solche Medikamente allerdings nicht genommen werden. Hier muß die Darmflora geschützt bzw. regeneriert werden. Dafür gibt es Medikamente, die lebensfähige, probiotische Keime enthalten, z.B. Perenterol®, Omniflora® u.a.
Zum Ausgleich des Elektrolytverlustes gibt es Elektrolytpräparate wie z.B. Elotrans®, die in Wasser aufgelöst und getrunken werden. Wenn dies nicht ausreicht, müssen Flüssigkeit und Elektrolyte per Infusion zugeführt werden.
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Bei hartem und schmerzhaftem Stuhlgang und/oder seltener Verdauung (nur jeden 4.Tag) spricht man von Verstopfung (Obstipation). Sie entsteht in den meisten Fällen durch eine ungenügende Darmtätigkeit. Ursachen können Bewegungsmangel, unzureichende Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, aber auch Medikamente sein. z.B. führen Vinca-Alkaloide wie Vincristin und Vinblastin sowie das Antiemetikum Zofran® häufig zu Verstopfung. Auch Schmerzmedikamente, die Morphin oder verwandte Stoffe enthalten, verursachen oft Verstopfung.
Was der Arzt tun kann
Bei hartnäckiger Verstopfung wird der Arzt ein Abführmittel, z.B. Bifiteral® verordnen.
Was Sie selbst tun können
- Weizenkleie, Leinsamen, Vollkornprodukte
- mageres Fleisch, Geflügel, Fisch
- Gemüse
- Frisches Obst, möglichst mit Schale und Kernen, Saisontip: frischer Holunder
- Fruchtsäfte (außer Apfelsaft), Sehr gut: Pflaumensaft, Holundersaft
- Trockenobst, wie Datteln, Aprikosen, Pflaumen
- Sauerkrautsaft
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Einige Medikamente, die bei der Chemotherapie eingesetzt werden, schädigen das Nervengewebe und beeinträchtigen die Funktion der Muskulatur. Als Folge können Fehlfunktionen der Muskeln wie Schwäche oder Krämpfe auftreten und Ausfallerscheinungen der Nerven wie Empfindungsstörungen oder Lähmungen. Während Funktionsstörungen der Muskeln sich oft rasch wieder zurückbilden, braucht das Nervengewebe in der Regel eine längere Zeit, um sich zu regenerieren.
Muskelkrämpfe
Muskelkrämpfe entstehen durch schmerzhaftes Zusammenziehen einzelner Muskelgruppen. Sie kommen häufig nach oder während langer Bettlägerigkeit, aber auch bei körperlicher Anstrengung vor. Oft ist auch ein Verlust an Mineralstoffen dafür verantwortlich, der durch Erbrechen, Durchfall oder starkes Schwitzen entsteht. Auch Medikamente, z.B. Kortison, können den Mineralhaushalt stören und die Funktion der Muskeln beeinträchtigen.
Was der Arzt tun kann
Durch eine Blutuntersuchung kann der Arzt feststellen, ob der Mineralhaushalt gestört ist und entsprechende Medikamente verordnen. Hilfreich bei Krämpfen ist häufig Magnesium. Wenn das nicht ausreicht, kann noch auf krampflösende Mittel zurückgegriffen werden.
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Schluckauf
Der Schluckauf entsteht, wenn sich der Atemmuskel, das Zwerchfell, zwischen den normalen Atemzügen plötzlich zusammenzieht. Die Ursache dafür kann eine Reizung des Nervs sein, der das Zwerchfell kontrolliert oder eine Fehlfunktion des Muskels selbst. Oder ganz einfach: im Magen ist zuviel Luft.
Was der Arzt tun kann
Wenn ein anhaltender oder häufig wiederkehrender Schluckauf auftritt, wird der Arzt zunächst nach einer organischen Ursache suchen. Außerdem gibt es Medikamente, mir denen der Schluckauf beeinflußt werden kann.
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Empfindungsstörungen und Lähmungen
Einige Zytostatika schädigen das Nervengewebe, vor allem die Vinca-Alkaloide Vincristin und Vinblastin (Velbe®), aber auch Procarbazin (Natulan®) und Kortison. Betroffen sind hier vor allem die peripheren Nerven, also die Nerven in Armen und Händen sowie Beinen und Füßen (periphere Neuropathie). Die Nervenschädigung äußert sich oft in Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühl in Händen und Füßen. Manchmal können auch teilweise oder (sehr selten) vollständige Lähmungen bestimmter Muskelgruppen auftreten.
Eine Spezialität der Platinverbindungen Cisplatin (Platiblastin®, Platinex®) und Carboplatin (Carboplat®, Ribocarbo®) ist die Schädigung der Hörnerven (Ototoxizität), die zu Schwerhörigkeit führen kann.
Was der Arzt tun kann
Ein gewisser Schutz des Nervengewebes läßt sich durch die Verordnung von hochdosiertem Vitamin B - Komplex (z.B. BVK® forte, neuro-ratiopharm®) erreichen. Auch ein Versuch mit alpha-Liponsäure (z.B. Thioctacid®), die normalerweise zur Behandlung von Nervenschäden bei Diabetikern eingesetzt wird, ist evtl. lohnend.
Wenn bereits eine Schädigung eingetreten ist, wird der Arzt das entsprechende Medikament - wenn möglich - aus dem Therapieplan streichen und ggf. durch ein anderes ersetzen.
Geschädigte Nerven regenerieren sich durch Stimulation: Durch eine gezielte Ergotherapie ("Übungstherapie") können die Schäden im Laufe der Zeit oft wieder behoben werden.
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Die Schädigung der Schleimhäute in den Harnwegen begünstigt Infektionen. Frauen sind hierfür etwas anfälliger als Männer. Anzeichen dafür sind Harndrang und häufiges Wasserlassen, Brennen beim Wasserlassen, trüber, dunkler, evtl. blutiger Urin, Fieber und Schmerzen im unteren Rücken oder in der Lendengegend.
Es gibt aber auch Medikamente, deren Abbauprodukte die Harnwege direkt schädigen. Zu dieser Gruppe gehören die Substanzen Cyclophosphamid (CYCLO-cell®, Cyclostin®, Endoxan®), Ifosfamid (Holoxan®, IFO-cell®) und Trofosfamid (Ixoten®). Aus ihnen entsteht im Körper das giftige Acrolein, das die Schleimhaut im Harntrakt angreift. Dadurch kann eine sog. hämorrhagische Zystitis, zu deutsch: Blasenentzündung mit Schleimhautblutung, entstehen. Diese unerwünschte Wirkung kann durch die Gabe von Mesna (Uromitexan®) verhindert werden. Es bildet mit dem Acrolein eine ungiftige Verbindung, die über die Nieren ausgeschieden wird.
Eine andere Gruppe von Medikamenten, die sog. Anthrazykline, sind farbig, meistens rot. Dazu gehören Daunorubicin (Daunoblastin®), Doxorubicin (=Adriamycin) (Adriblastin®, DOXO-cell®), Epirubicin (Farmorubicin®) und Idarubicin (Zavedos®). Mitoxantron (Novantron®) ist blau gefärbt. Sie werden über die Nieren ausgeschieden und führen dabei zu einer Rot/Orange- bzw. Blau/Grün - Färbung des Urins, die völlig harmlos ist.
Die Platinverbindungen Cisplatin (Platiblastin®, Platinex®) und Carboplatin (Carboplat®, Ribocarbo®) haben eine direkt giftige Wirkung auf die Nieren, die durch reichliche Flüssigkeitszufuhr, i.d.R. als Infusion, verhindert oder zumindest gemildert werden kann. Ergänzend können noch Medikamente gegeben werden, welche die Flüssigkeitsausscheidung beschleunigen (Diuretika).
Was der Arzt tun kann
Bei einer Harnwegsinfektion ist eine Behandlung mit Antibiotika angezeigt.
Bei einer Behandlung mit Cyclophosphamid, Ifosfamid oder Trofosfamid wird der Arzt zusätzlich Mesna geben, und zwar mindestens zur Therapie, nach 4 Stunden und nach 8 Stunden.
Bei einer Behandlung mit Platinverbindungen wird reichlich Flüssigkeit zugeführt und evtl. zusätzlich ein Diuretikum gegeben.
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Normalerweise wird die Flüssigkeit, die wir aufnehmen, sei es durch Trinken oder durch die Zuführung per Infusion, vom Körper komplett wieder ausgeschieden. Der größte Teil davon durch die Nieren, ein geringerer Teil über den Schweiß und die Atemluft. Wenn weniger Flüssigkeit ausgeschieden als zugeführt wird, sammelt sich das Wasser im Gewebe sichtbar an. Es entsteht eine Schwellung, die Ödem genannt wird. Bevorzugte Stellen sind die Füße, Knöchel und Unterschenkel, die Hände und das Gesicht.
Gründe hierfür können eine mangelhafte Leistung von Herz oder Nieren sein, ein Ungleichgewicht im Mineralhaushalt oder ein Mangel an Eiweiß. Aber auch einige Medikamente der Chemotherapie, allen voran das Kortison, können dazu führen, daß der Körper Flüssigkeit zurückhält.
Was der Arzt tun kann
Wenn zuviel Flüssigkeit zurückgehalten wird, kann der Arzt Medikamente verordnen, welche die Flüssigkeitsausscheidung beschleunigen (Diuretika).
Was Sie selbst tun können
Wann Sie den Arzt informieren sollten
Chemotherapie kann die Funktion der Fortpflanzungsorgane bei beiden Geschlechtern beeinträchtigen. Eine Schädigung der Keimdrüsen (Eierstöcke, Hoden) führt zu Unfruchtbarkeit und einer Veränderung des hormonellen Gleichgewichts.
Je nach persönlicher Disposition (Alter, Konstitution etc.) und Intensität der Therapie handelt es sich dabei um vorübergehende oder auch andauernde Veränderungen. Für manche Erkrankungen gibt es Medikamentenkombinationen, die die Fruchtbarkeit erhalten, z.B. in der Hodgkin-Studie für Kinder und Jugendliche. Oft gibt es aber eine solche Behandlung nicht oder es muß, wie bei einer akuten Leukämie, so schnell gehandelt werden, daß keine Zeit bleibt, vor der Therapie noch Maßnahmen zu ergreifen.
Wichtig: Schritte, um eine dauernde Unfruchtbarkeit zu verhindern, müssen vor Beginn der Chemotherapie unternommen werden.
Frauen
Der Zyklus kann unregelmäßig werden oder die Blutung kann ganz ausbleiben. Während und/oder nach der Behandlung können Erscheinungen auftreten, die den Wechseljahrssymptomen vergleichbar sind: Hitzewallungen, Nachtschweiß (der dann in diesem Fall nichts mit der Tumorerkrankung zu tun hat!), Herzjagen, Stimmungsschwankungen und ähnliches. Frauen, die regelmäßig und auch während der Therapie die Pille nehmen, scheinen von diesen Symptomen weniger betroffen zu sein. Auch Frauen unter 30 Jahren haben eine gute Chance, einen regelmäßigen Zyklus zu behalten bzw. wieder zu entwickeln.
Andererseits besteht die Möglichkeit, wenn der Zyklus stabil bleibt, daß es während der Chemotherapie zu einer Schwangerschaft kommt. Dies sollte unbedingt verhindert werden, da Zytostatika das ungeborene Kind schwer schädigen können. In diesem Fall würde der Arzt die Behandlung sofort abbrechen müssen.
Jede Frau sollte vor Beginn der Behandlung mit ihrem Arzt abklären, ob und welche Maßnahmen sie ergreifen soll, um später auftretenden Erkrankungen vorzubeugen. Durch den vorzeitigen Eintritt der Wechseljahre kann ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Gafäßerkrankungen sowie Osteoporose bestehen. Evtl. kann es angeraten sein, die fehlenden Geschlechtshormone durch Hormonpräparate (Östrogene und Gestagene) zu ersetzen.
Frauen, die noch Kinder bekommen möchten, sollten mit dem Arzt erörtern, ob dies nach der Chemotherapie noch möglich ist und wie lange sie ggf. damit warten müssen. Während der Chemotherapie kann eine begleitende Behandlung mit Geschlechtshormonen das Risiko der Unfruchtbarkeit verringern. Dazu muß vor der Chemotherapie der Spiegel dieser Hormone im Blut bestimmt werden und eine entsprechende Behandlung geplant werden.
Ich möchte hier zu bedenken geben, daß solche Überlegungen und Maßnahmen nur dann Sinn machen, wenn die Grunderkrankung durch die Chemotherapie heilbar oder zumindest in eine langandauernde Remission zu bringen ist. Will sagen, daß die Frau, die sich nach der Behandlung entschließt, Mutter zu werden, auch die reelle Chance hat, ihr Kind aufwachsen zu sehen. Deshalb wird von ärztlicher Seite meistens dazu geraten, mindestens 2 Jahre abzuwarten, ob die Erkrankung wirklich zum Stillstand gekommen ist. Dies darf und sollte natürlich jede Frau mit ihrem Partner für sich entschieden.
Männer
Bis heute gibt es keine exakten, wissenschaftlichen Daten über die Häufigkeit chemotherapiebedingter Unfruchtbarkeit (Infertilität). Bekannt ist, daß bestimmte Medikamente wie z.B. das Procarbazin (Natulan®) die Spermabildung extrem schädigen, weshalb es bei Knaben und jungen Männern nur bei zwingender Indikation eingesetzt wird. Tatsache ist, daß die Chemotherapie zu einer dauernden Zeugungsunfähigkeit führen kann.
Eine Möglichkeit, sich im Falle einer therapiebedingten Unfruchtbarkeit irgendwann den Wunsch nach eigenen Kindern zu erfüllen, stellt das sogenannte "Spermabanking" dar. Hierbei werden innerhalb von 2-3 Wochen, 3-5 Spermaproben, die im Abstand von 3-5 Tagen gewonnen werden, in einer kommerziellen Spermabank eingefroren.
Bisher gibt es keine Anhaltspunkte, die auf eine genetische Schädigung des Spermas durch den Einfrierungsprozeß hinweisen, so daß die Angst auf diesem Wege kein "gesundes" Kind zu zeugen, nach heutigem Wissensstand unbegründet ist.
Wichtig ist es, vor Therapiebeginn eine Spermauntersuchung (Spermiogramm) durchführen zu lassen.
Zum einen müssen für die Anlage eines Spermadepots bestimmte Mindestqualitäten des Spermas erfüllt sein (krankheitsbedingte Schädigungen der Spermaproduktion sind in einzelnen Fällen beobachtet worden), zum anderen ist nur so eine exakte Beobachtung bezüglich einer Erholung der Spermaqualität nach Therapie gewährleistet.
Zusätzlich wird so dazu beigetragen, daß es in Zukunft hoffentlich möglich sein wird, eine bessere und gezielte Beratung zu ermöglichen.
Auch wenn zu diesem Zeitpunkt die hier geschilderte Problematik nicht im Vordergrund zu stehen scheint, ist es ratsam, sich mit diesem Thema vor Beginn der Therapie auseinander zu setzen. In der Vergangenheit blieb bei vielen Patienten durch mangelhafte Aufklärung und Vorsorge häufig der spätere Wunsch nach Kindern versagt.
Ansprechpartner für die Anlegung von Spermadepots in NRW:
| Gemeinschaftspraxis
Dr. Propping / Dr. Katzorke Kettwiger Str. 2-10 45127 Essen Telefon
0201/221138/39 |
Kryobank
der Firma Messer Griesheim Fütingsweg 34 47805 Krefeld Telefon
02151/379-0 |
| Dr. Palm Josef Haubrich Hof 5 50667 Köln Telefon
0221/2037-510 |
Dr.
Dannenberg Dahmengraben 1 52062 Aachen Telefon
0241/33988 |
Leider werden zum jetzigen Zeitpunkt die Kosten für ein Spermadepot (200,--DM je Spermaprobe) plus 400,-- DM bis 650,--DM pro Jahr an laufenden Kosten in der Regel noch der Krankenkasse nicht von übernommen.
Familienplanung
Gerade bei jungen Paaren kann die Tumorerkrankung eines Partners die Lebens- und Familienplanung ziemlich durcheinander bringen. Und es ist gar nicht so selten, daß die Erkrankung zwar geheilt werden kann, die Partnerschaft aber kinderlos bleiben muß. Deshalb soll noch einmal auf die Wichtigkeit hingewiesen werden, daß beide Partner alle diesbezüglichen Fragen vor Beginn der Behandlung mit dem Arzt erörtern.
Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß unsere Behörden Paaren, von denen ein Partner eine Krebserkrankung gehabt hat, in der Regel keine Adoption ermöglichen. Das Argument, das hier angeführt wird, ist, daß ein Elternteil das erhöhte Risiko trägt, vorzeitig auszufallen.
Ein zärtlicher Blick, ein paar Streicheleinheiten, eine innige Umarmung, ein Kuß, die ganzen Möglichkeiten gegenüber dem Menschen, den man liebt, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. All dies ist Sexualität, nicht allein der Geschlechtsakt. Die Chemotherapie kann diesen ganzen Bereich auf vielfältige Weise beeinflussen und stören.
Was Sie für sich und ihre(n) Partner(in) tun können
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