Eigene Gefühle und Beziehungen zu anderen Menschen

Birgitta Meister

Natürlich verursacht bereits die Diagnose "Krebs" selbst gewaltige Emotionen. Diese sind jedoch so vielschichtig, daß man ihnen ein eigenes Buch widmen könnte. Sie sollen an dieser Stelle nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr soll hier von den Veränderungen des Gefühlslebens die Rede sein, die mit der Chemotherapie in Verbindung gebracht werden können.

Chemo-Gefühle

Die mit der Chemotherapie einhergehenden Veränderungen und Beeinträchtigungen können die eigenen Gefühle und die Beziehung zu anderen Menschen in unterschiedlichster Weise beeinflussen. Auch die bei der Behandlung eingesetzten Medikamente, allen voran Kortison in sehr hohen Dosen, können die Gedanken und Gefühle eines Menschen verändern.

Bei den meisten Menschen löst bereits das Bevorstehen einer Chemotherapie Angst aus. Daß die Chemotherapie mit vielen unangenehmen Nebenwirkungen verbunden ist, ist bereits aus den Medien hinreichend bekannt. Hinzu kam vielleicht noch das Gespräch mit dem Arzt, das unter Umständen auch nicht gerade aufbauend war. Ein detailliertes Wissen über Chemotherapie hilft, einen Teil dieser Ängste abzubauen. Dies ist einer der Gründe, warum dieses Handbuch geschrieben wurde. Ein Teil der Angst ist aber auch berechtigt, gerade, wenn es sich um eine sehr intensive Behandlung mit vielen und schwerwiegenden Nebenwirkungen handelt.

In den allermeisten Fällen führt die Chemotherapie zu äußerlichen Veränderungen: die Haare fallen aus, man kann an Gewicht zu- oder abnehmen, Farbe und Konsistenz der Haut können sich verändern. Vor allem, wenn die Medikamentenkombination viel Kortison enthält, kommt es oft zu einer Gewichtszunahme, verbunden mit einer Fettumverteilung und Wassereinlagerung, dessen Folge das sogenannte "Vollmondgesicht" ist, das in Verbindung mit einer Glatze sehr unvorteilhaft wirkt. Bei immens hohen Dosen, wie sie z.B. nach einer allogenen Knochenmarktransplantation üblich sind, kann das Gesicht dermaßen entstellt sein, daß Freunde und Bekannte die Person nicht mehr wiedererkennen. Ebenfalls nicht selten ist das Entstehen dunkler Ringe oder Schatten um die Augen, was einen einfach krank aussehen läßt.

Gravierende Veränderungen der äußeren Erscheinung gehören sicherlich, für Frauen evtl. etwas mehr als für Männer, zu den seelisch am meisten belastenden Begleiterscheinungen der Chemotherapie. Nicht nur der Blick in den Spiegel wird zum erschreckenden Erlebnis ("Was ist aus mir geworden ?"); die anderen Menschen sehen es ja auch ("Jetzt sieht jeder, daß ich Krebs habe !"). Damit verbunden ist oft die Angst, nicht mehr als "richtiger", vollwertiger Mensch wahrgenommen zu werden.

Bei einem nicht geringen Teil der Erkrankten, gerade, wenn ihre Erkrankung früh und /oder zufällig erkannt wurden, führt erst die Chemotherapie dazu, daß sie sich schlecht und krank fühlen. Die körperliche Leistungsfähigkeit ist auf einmal drastisch reduziert, alltägliche Dinge werden mühsam und anstrengend, möglicherweise kann der Beruf nicht mehr ausgeübt werden. Je nach sozialer Situation können Existenzängste aufkommen: "Werde ich meinen Job verlieren ?", "Wird das Krankengeld reichen ?"

In der Gesellschaft, in der wir leben, sind Schönheit, Fitneß und Erfolg Werte, die ganz hoch gehalten werden. Kein Wunder also, daß deren Verlust bei vielen Menschen zu einem drastischen Einbruch des Selbstwertgefühls führen. Mit einem Wort: Man fühlt sich krank, häßlich und nutzlos und möchte sich am liebsten keinem anderen Menschen mehr zumuten. Man verspürt den Wunsch, sich zurückzuziehen, sich zu verkriechen, sich auszuschließen, bevor es die anderen tun.

Vielleicht wird man ja auch furchtbar wütend beim morgendlichen Blick in den Spiegel, beim Versuch aufzustehen, der vom Körper erst einmal mit einem Ausbruch in Anarchie quittiert wird. Und man hat keinen sehnlicheren Wunsch, als diese Wut am nächstbesten Menschen auszulassen. Auch Aggression ist keine seltene Reaktion auf die Nebenerscheinungen der Chemotherapie. Hier soll noch hinzugefügt werden, daß einige Medikamente, z.B. Etoposid und Kortison in sehr hohen Dosen, selbst in der Lage sind, Aggression auszulösen.

Eine weitere, nicht ungewöhnliche Begleiterscheinung der Chemotherapie ist das Gefühl, Krieg gegen den eigenen Körper zu führen. Was im Prinzip gar nicht falsch ist, schließlich werden ja auch gesunde Körperzellen durch die Behandlung geschädigt.

All diese Gefühle können (müssen aber nicht!) während einer Chemotherapie auftreten. Wichtig ist, daß Sie verstehen, daß diese Gefühle und Launen nicht irgendwie krankhaft, sondern normal sind. Sie stehen Ihnen zu und entscheidend ist, daß Sie angemessen damit umgehen können. Weinen Sie, wenn Ihnen danach ist. Schließlich haben Sie einen Verlust erlitten, der betrauert sein möchte. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie welche brauchen. Die kann von Freunden und Angehörigen kommen, aber auch professionelle Hilfe sein, z.B. durch einen Psychotherapeuten. Sehr hilfreich ist auch der Anschluß an eine Selbsthilfegruppe; Gleichbetroffene kennen Ihre Gedanken und Gefühle oft aus eigener Erfahrung und können Tips geben, damit besser umzugehen.

Die lieben Mitmenschen

Natürlich nehmen auch Ihre Mitmenschen diese Veränderungen wahr und reagieren darauf so unterschiedlich, wie Menschen nun einmal sind.

Die häufigste Reaktion ist sicherlich Angst und Unsicherheit. Viele Menschen erschrecken sich, wenn sie einen anderen Menschen sehen, dessen Äußeres so gravierend verändert ist. Vielleicht haben sie Angst, daß es ihnen auch einmal so gehen könnte, sie empfinden zunächst einmal Abneigung, vielleicht sogar Ekel. Das soll der Betroffene natürlich nicht merken, schließlich will man ihn ja nicht kränken. In dem Bemühen, "ganz normal" zu sein, verkrampft Ihr Gegenüber sich dermaßen, daß er/sie sich völlig blöde benimmt. Hier hilft Offenheit: Wenn Sie merken, daß Ihre Freunde unsicher sind, sprechen Sie über Ihre Situation. Sagen Sie ihnen, was Sie von ihnen erhoffen oder erwarten. Bleiben Sie locker, dann werden es Ihre Freunde auch sein.

Manche Ihrer Freunde sind vielleicht mit der Situation überfordert und ziehen sich zurück ("Melde Dich doch mal wieder, wenn's Dir besser geht..."). Das ist schade und verletzend, kommt aber immer wieder vor. Vergessen Sie diese Leute. Die Erfahrung hat gezeigt, daß Sie Unterstützung von anderen Menschen bekommen werden, oft durch solche, von denen Sie das nie vermutet hätten.

Ihre anderen Freunde möchten Sie jetzt gerne aufbauen: "Du mußt positiv denken !" heißt der magische Satz, mit dem man versucht, Sie aus Ihrem diversen Stimmungstiefs herauszuholen. Nehmen Sie's ihnen nicht übel, sie meinen es nur gut. Aber machen Sie ihnen klar, daß Sie überhaupt nicht positiv denken müssen. "Positiv denken", was ist das überhaupt? Von vielen Menschen wird darunter verstanden, immer nur an den Erfolg zu glauben und keine anderen Gedanken zuzulassen. Dies ist bei näherer Betrachtung ziemlich brutal, der wer hat schon immer Erfolg? Unser aller Leben ist von Erfolgen und Mißerfolgen geprägt, dies gilt für den Beruf, für das Liebesleben genauso wie für die Gesundheit. Und wer gerade einen schweren Rückschlag erlitten hat, für den ist es nicht nur ganz schön schwer, an Erfolg zu glauben, sondern auch ziemlich unrealistisch. Ein besserer Satz zur Aufmunterung wäre vielleicht: "Du darfst hoffen."

Eine weitere Reaktion, die nicht selten anzutreffen ist, vor allem bei den nahen Angehörigen, ist die der übertriebenen Fürsorge, die bis hin zu einer "kalten Entmündigung" gehen kann. Der/die Erkrankte wird für so krank gehalten, daß er/sie jetzt gar nichts mehr alleine kann. Wenn Sie das nicht möchten, schieben Sie dem sofort einen Riegel vor: machen Sie diesen Menschen ganz eindeutig klar, was Sie alleine können und wofür Sie Hilfe benötigen. Wenn diese Menschen Sie so lieben, wie sie vorgeben, werden Sie Ihre Wünsche respektieren.

Es ist alles vorbei

Die Chemotherapie ist vorbei, die Haare wachsen wieder nach, das Leben kann wieder seinen normalen Gang gehen. Aber es klappt nicht. Plötzlich bekommt man Angstzustände, in der Partnerschaft kriselt es, kurz, es passieren Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat. Wieso nur, es ist doch alles überstanden, wo liegt jetzt noch das Problem?

Während der Behandlung war man ständig mit Dingen beschäftigt, die in irgendeiner Weise damit in Beziehung standen. Man mußte zur Therapie, zum Blutbild, zu irgendwelchen Untersuchungen. Es war Action angesagt und andere, wichtige Angelegenheiten traten in den Hintergrund. Diese Dinge fordern nun ihr Recht "behandelt" zu werden, vielleicht ein ungelöster Partnerschaftskonflikt, vielleicht die Suche nach einem neuen Lebensplan, vielleicht auch etwas völlig anderes.

Hinzu kommt, daß nun vielleicht noch einmal Ereignisse aus der Therapie in's Bewußtsein treten, die man längst verdrängt hatte. Chemotherapie ist, natürlich in Abhängigkeit von ihrer Intensität, eine Behandlung, die einen Menschen traumatisieren kann. Etwas einfacher ausgedrückt: Sie kann von so furchtbaren Erlebnissen begleitet werden, daß ein lebenslanger "Knacks" zurückbleibt. In besonderem Maße gilt dies natürlich für sehr intensive Therapien, die von schlimmen Nebenwirkungen begleitet sind, aber auch bei weniger intensiven Behandlungen kann dieser Effekt durchaus auftreten. Entscheidend ist ja nicht, was Sie (objektiv) erlebt haben, sondern wie intensiv Sie dabei empfunden haben. Nehmen Sie sich Zeit, die schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten. Erklären Sie dies auch Ihrem Partner. Wenn Sie alleine nicht klarkommen, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Erlebnisse in Grenzbereichen des Lebens können im Sinne eines "Aufrüttelns" ganz allgemein dazu führen, daß Lebensanschauungen und Wertvorstellungen neu überdacht werden. Dinge, die früher nicht wichtig erschienen, treten in den Vordergrund, während andere Dinge plötzlich ganz unwichtig werden. Dies ist ein Prozeß geistiger Reifung, der sich aber zunächst einmal nur bei Ihnen abspielt und von Ihrer Umwelt oft nicht bemerkt wird. Erst zu einem späteren Zeitpunkt stellen Ihre Mitmenschen überrascht fest, daß sie Ihren Gedankengängen nicht mehr folgen können. Hier ist oft der Punkt, an dem Partnerschaften in eine Krise geraten: einer der Partner geht einen Weg, auf dem der andere ihm nicht folgen kann. Eine solche "Neuordnung des Weltbildes" kann durchaus von Vorteil sein und zu größerer innerer Zufriedenheit führen. Aber lassen Sie Ihren Partner dabei nicht zurück, sondern teilen Sie Ihre Gedanken und Gefühle mit ihm.

Zusammenfassung

Gehen Sie möglichst offen mit Ihrer Erkrankung, der Behandlung und den damit verbundenen Gedanken und Gefühlen um. Sprechen Sie mit Ihren Freunden und Angehörigen über das, was Sie bewegt. Sagen Sie, was Sie von ihnen erhoffen oder erwarten. Geben Sie Ihnen Tips, wie sie sich verhalten sollen. Offenheit vermag fast immer Mißverständnisse zu beseitigen.


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